Zum Hauptinhalt springen

Trailcheck: Tessin

Traumtouren mit Seeblick im Süden der Schweiz

Veröffentlicht am

Im Tessin fühlt sich wie in Italien, es liegt aber noch in der Schweiz. Der südlichste Kanton lockt mit Sonne, Palmen und herrlichen Mountainbike Touren. Denn zwischen Luganersee und Lago Maggiore spinnen sich wahrhaft epische Trails über die Bergflanken.

Alte Liebe rostet nicht, sagt man. Aber was hat dieser uralte Spruch mit dem Tessin zu tun? Nun ja, immerhin ist es über 20 Jahre her, seitdem ich hier mit dem Bike zu Besuch war. Doch meine Erinnerungen an die Trails waren während der ganzen Zeit so gut, dass ich stets sicher war, eines Tages in die Sonnenstube der Schweiz zurück zu kehren. Nun ist es soweit. Wir stehen am Monte Bar, auf 1600 Metern Höhe – und es hat sich nichts verändert. Fast nichts. Okay, die urige Berghütte von damals wurde zwischenzeitlich durch einen „interessanten“ Neubau ersetzt, der nicht so recht in die Landschaft zu passen scheint. Aber sonst? Das Wetter ist auf jeden Fall so, wie ich es in Erinnerung habe. Und das ist schonmal einer der Gründe, warum das Tessin allzeit ein lohnendes Ziel für Biker ist. Die Sonne strahlt noch im Spätherbst von einem blauen Himmel, die Temperaturen sind für Biketouren ideal, nicht zu warm und nicht zu kühl. Die Aussicht auf den in der Ferne glitzernden Luganersee ist überragend. Und für den Singletrail, der uns gleich hinüber zum Passo San Lucio führen wird, finde ich gar keine Worte. Einfach nur grandios.

Auf vielen Tessiner Touren hat man den Luganersee oder – wie oben – den Lago Maggiore im Blick.

Doch halt! An die Schilder kann ich mich nicht erinnern, die waren vor 20 Jahren noch nicht da. Nein, keine Verbotsschilder, wie man sie vielleicht hierzulande erwarten würde, sondern ganz im Gegenteil. Dieser Traum von einem Trail ist mit dem typischen roten Bike-Pfeilsymbol und einer Tournummer gekennzeichnet. Hier geht‘s lang! Und genau das ist ein weiterer Grund, in der Schweiz biken zu gehen: Man setzt hierzulande nämlich auf ein Miteinander von Bikern und Wanderern. „Shared Trails“ und gegenseitige Rücksichtnahme lautet das Stichwort. Sicher, es gibt auch in der Schweiz Brennpunkte, wo gestritten wird, wo unterschiedliche Interessen aufeinander prallen. Ergo ist nicht jeder Weg oder Trail automatisch „legal“ befahrbar. Aber es sind viele. Sehr viele. Und das übers ganze Land verteilt! Das Beste kommt aber noch: Auf der weiter unten genannten Website bekommst du einen Überblick über sämtliche Touren, wählbar nach Fahrrad-Gattung.

Der Trail am Monte Bar ist fast zu schön um wahr zu sein.

Der Panoramatrail zum Passo San Lucio könnte fast symptomatisch für die Tessiner Trails stehen. Dieser fast schon flowige Pfad wirkt, als wäre er extra für Biker angelegt worden. Dabei handelt es sich um einen uralten Weg über die italienische Grenze, der bereits seit Jahrhunderten von Kaufleuten, Schmugglern und Pilgern begangen wurde. Davon zeugt auch die trutzige Wallfahrtskapelle am Grenzübergang, die wir nach schier endlosem Trailspaß erreichen. Der Übergang führt auf italienischer Seite hinunter zum Comersee, den man jedoch zwischen den eng gestaffelten Bergketten nur erahnen kann.

Das Stichwort Flow gilt auch für den Monte Tamaro Trail, den wir am nächsten Tag unter die Stollen nehmen. Dort allerdings mit Einschränkung. Denn den Zugang zum flowigen Teil der Abfahrt muss man sich hart erarbeiten. Auch an diesem Tag herrschen wieder Traumbedingungen mit blauem Himmel und angenehmen Temperaturen. Euphorisch fliegen wir durchs sanft ansteigende Tal dem Fuß des Tamaro entgegen, vorbei an der Talstation der Gondelbahn. Nein, das ist was für Luschen, denken wir. Aber nur wenige Kurven weiter bereuen wir es fast, nicht die Bahn genommen zu haben. Denn so steil hatte ich die Rampen nicht mehr in Erinnerung. Im Schneckentempo kämpfen wir uns Meter um Meter nach oben. Im unteren Teil freuen wir uns sogar über den Asphalt, der es etwas leichter rollen lässt. Ab der Mittelstation ist es jedoch ein purer Kampf gegen die Schwerkraft. Völlig ausgepowert erreichen wir die Alpe Foppa, wo sich die Gondeltouristen zwischen Spielplatz und SB-Restaurant gemütlich die Füße vertreten. Da fällt es uns gar nicht so schwer, die fehlenden 400 Höhenmeter mit neuer Motivation anzugehen. Das wäre doch gelacht.

Alpe Foppa: Die letzte Rampe zum Tamaro liegt voraus.
Erst beim Blick zurück wird einem die Höhe bewusst.

Am Rifugio Tamaro, das wie ein Adlerhorst am Gipfelgrat klebt, ahnen wir langsam, warum dieser Berg zu den Bike-Klassikern zählt. Das Panorama über die 4000er der Westalpen ist überwältigend und reicht von Monte Rosa über Jungfrau bis zum Finsteraarhorn. Vorsichtig tasten wir uns auf dem Höhenweg am Abgrund entlang, dann taucht nach einer Biegung endlich der Sattel auf, an dem der sagenumwobene Tamaro-Trail zurück ins Tal beginnt. Klar, die ersten, ausgesetzten Kurven sollte man vorsichtig angehen, am besten sogar schieben, aber dann! Sobald man den Südhang des Tamaro gequert hat, ist das Fahrvergnügen kaum noch zu toppen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon jemals einen längeren Singletrail unter den Stollenreifen hatte, der zudem noch so flüssig zu fahren ist. Wir surfen im Wechsel über Flowpassagen, Wurzelteppiche und auch technisch anspruchsvollere Abschnitte. Endlose Kilometer geht es bergab. Und dennoch scheint das Tal kaum näher zu kommen. Bevor es auf den letzten Downhillabschnitt geht, durchqueren wir noch Arosio, ein typisches Tessiner Bergdorf. Erst im geschäftigen Tal, neben der Autobahn spuckt uns der Trail wieder in die Zivilisation zurück. What a ride!

Im siebten Himmel: Die Capanna Monte Tamaro auf 1867 Metern Höhe.

Touren & Parks

Das Tessin ist ein wahres Trailparadies. Allerdings muss man sich das Vergnügen fast überall auf teils langen Anstiegen erst verdienen. Einen typischen Bikepark mit Aufstiegshilfen und angelegten Trails gibt es nur im Bergdorf Blenio, das auf der Südseite des Lukmanierpasses liegt. Zwei Sesselbahnen bedienen dort ein kleines aber feines Trailnetz. Darüber hinaus bieten einzelne Gondelbahnen im Tessin einen Biketransport an, zum Beispiel an Monte Tamaro oder Monte Lema, wo es drei ausgewiesene Abfahrten gibt. Ansonsten findet man – typisch Schweiz – übers gesamte Tessin verteilt eine Vielzahl an ausgeschilderten Rund- und Etappentouren aller Schwierigkeitsgrade. Einen perfekten Überblick bietet die Website www.veloland.ch. Dort kann man sich alle schweizer Touren auf der Topokarte anschauen.

Drei Top-Trails im Tessin

Monte Bar

Der kahle Bergrücken des Monte Bar beherrscht das Hinterland von Lugano. An seiner Flanke windet sich auf rund 1500 Meter Höhe ein 10 Kilometer langer Panoramatrail der Extraklasse entlang. Der Pfad verläuft zwar teilweise ziemlich ausgesetzt am Steilhang, ist aber fahrtechnisch nur von moderater Schwierigkeit. Es gibt Sektionen mit leichtem Gefälle, genauso wie kurze Zwischenanstiege, an denen man das Bike für ein paar Meter schieben muss. Insgesamt jedoch ein wahrlich epischer Fahrgenuss. Die Anfahrt von Lugano verläuft bis zum Bergdorf Tesserete fast komplett verkehrsfrei auf einer alten Bahntrasse. Die angenehme Steigung bringt die Beine behutsam in Schwung, so dass der folgende Anstieg bis zur Capanna Monte Bar kaum schmerzt. Der asphaltierte Almweg verwandelt sich erst auf den letzten Metern in einen Schotterweg. An der bewirtschafteten Hütte sind die meisten Höhenmeter geschafft und die überwältigende Aussicht lässt sich richtig genießen. Das Trailvergnügen beginnt rund zwei Kilometer weiter am Rifugio Piandanazzo und endet erst am Kirchlein auf dem Passo San Lucio. Tipp: E-Biker finden an der Capanna eine Ladestation. Die Abfahrt von San Lucio verläuft auf unproblematischen Fahrwegen.

Tour Daten

Länge: 56,7 km
Höhenmeter: 1520 m
Höchster Punkt: 1600 m
Start: Lugano Bahnhof
Wegbeschaffenheit: Straße, Radweg, Schotter, Pfade

Der Trail am Monte Tamaro lässt keine Wünsche offen.
Mit Flow-Passagen wie aus dem Bilderbuch.

Monte Tamaro

Achtung: Auch wenn die Tamaro-Tour zu den Klassikern im Tessin zählt, handelt es sich um eine anspruchsvolle Fahrt auf teilweise ausgesetzten, schmalen Pfaden in großer Höhe! Mit seiner enormen Antenne auf dem Gipfel sticht der Monte Tamaro ins Auge, sobald man von Bellinzona her ins südliche Tessin unterwegs ist. Die Sendeanlage thront aber nicht auf seinem Hauptgipfel, denn der liegt einen Kilometer weiter westlich. Die Antenne markiert aber ungefähr den höchsten Punkt auf dieser hochalpinen Runde. Das ist einerseits motivierend, andererseits erschreckend, wenn man die Höhenmeter sieht, die vor einem liegen. Immerhin sind das rund 1600 am Stück, gewürzt mit extrem steilen Abschnitten! Alternative: Wer es sich leisten will, kann in Rivera die Gondelbahn nehmen, die seit September 2025 wieder in Betrieb ist. Von der Bergstation Alpe Foppa aus verbleiben dann noch 400 schwere Rest-Höhenmeter auf einer rumpeligen Militärpiste. Und erst an der Tamaro Hütte ist das Gröbste geschafft. Zumindest in Punkto bergauf. Denn jetzt muss man noch einen teilweise ausgesetzten Höhenweg bewältigen, der erst unterhalb des eigentlichen Tamaro-Gipfels endet. Für Fans der Schwerkraft beginnt jedoch ab hier das Paradies. Denn fast die komplette zweite Hälfte der Tour verläuft bergab auf feinsten Singletrails! Deren Schwierigkeit pendelt ständig zwischen S1 und S2.

Tour Daten

Länge: 39,3 km
Höhenmeter: 1580 m
Höchster Punkt: 1880 m
Start: Taverne-Toricella Bahnhof
Wegbeschaffenheit: Straße, Radweg, Schotter, Pfade

Monte della Colonna

Der Monte della Colonna liegt südwestlich von Lugano, gleich hinter der italienischen Grenze. Dort sind die Gipfel unscheinbarer als nördlich des Luganersees. Bewaldete Berge mit moderaten Höhen, aber für Biketouren nicht minder reizvoll als Monte Tamaro und Co.. Auf dieser Tour überquert man zwei Gipfel in unmittelbarer Nachbarschaft des Monte Colonna und umrundet dabei quasi den Namensgeber. Denn der direkte Weg über seinen Gipfel ist unfahrbar. Beide Anstiege führen über alte Militärstraßen, die mit ihrem teils groben Belag deine Uphill-Fahrkünste fordern. Sowohl konditionell als auch technisch. Der erste führt vom Startort Luino auf den rund 1000 Meter hohen Monte Pian Nave, der zweite im weiteren Verlauf hinauf zum Kirchlein auf dem Monte San Martino. Zugegeben: E-Biker sind hier definitiv im Vorteil. Auf der Abfahrt lohnt sich ein Stopp an den militärischen Befestigungen aus dem ersten Weltkrieg. Auf keinen Fall den Wanderweg nehmen, der vom Gipfelparkplatz zu den alten Stollen führt! Dieser ist eng, steil, ausgesetzt und teilweise sogar abgerutscht. Folgt bitte einfach dem Track ins Tal. Tipp: Jeden Mittwoch findet in Luino einer der größten Straßenmärkte Mitteleuropas statt. Sehenswert!

Tour Daten

Länge: 40,8 km
Höhenmeter: 1370 Hm
Höchster Punkt: 1087 m
Start: Luino Bahnhof
Wegbeschaffenheit: Asphalt- und Schotterwege

Von San Martino aus ist hinten links der Luganersee zu erkennen (Monte Colonna Tour).

Infos Tessin

Einwohner des Schweizer Kantons Tessin erkennt man am TI auf dem Auto-Nummernschild. Das Kürzel steht für seinen italienischen Namen „Ticino“. Aber auch wenn die Landessprache südlich des Gotthards offiziell italienisch ist, kommt man fast überall auch mit deutsch weiter. Bekannt und beliebt ist das Tessin für sein mildes, fast schon mediterranes Klima. So sind viele Touren im südlichen Tessin, rund um Luganersee und Lago Maggiore ab März bis weit in den Herbst hinein fahrbar. Einziger Wermutstropfen ist das hohe Preisniveau in der Schweiz, sowohl für Verpflegung als auch Dienstleistungen.

Anreise: Ebenso typisch für die Schweiz ist aber auch das perfekte öffentliche Verkehrsnetz. So ist jeder, wirklich jeder Ort, mit Bus und/oder Bahn erreichbar. Und das mit Transport des Fahrrades! Mit dem Auto kommt man von Norden über Gotthard-, San Bernardino- und Lukmanierpass ins Tessin, oder von Westen/Süden her über die italienischen Autobahnen in der Po-Ebene.

Infos: www.ticino.ch

Unterkunft: Generell findet man ein großes Angebot an Unterkünften aller Art. Das gehobene Preisniveau wurde aber bereits erwähnt. Camping ist da eine willkommene und zumindest moderatere Alternative. Es gibt zahlreiche Plätze an den Seen, etwas ruhiger und günstiger ist es im Hinterland. Generell besteht auch die Möglichkeit, nach Italien auszuweichen, wo man etwas preiswerter unterkommt. Zum Beispiel in der Region zwischen Ponte Tresa und Luino am Lago Maggiore.

Unsere Tipps: Das beste Bike fürs Tessin

Die meisten Trails im Tessin sind ausschließlich per Muskelkraft erreichbar. Seilbahnen oder Shuttles lassen sich eher selten nutzen. Dein Bike sollte also mit einer Übersetzungsvielfalt ausgestattet sein, die auch längere Anstiege nicht zur Qual werden lässt. Ideal geeignet sind Allround- bzw. Allmountain Fullys oder tourentaugliche Enduros. Mit einem Fahrwerk zwischen 140 und 160 Millimeter Federweg machst du sicher nichts falsch.

Dein E-MTB sollte am besten über einen ausreichend kapazitätsstarken Akku verfügen, so dass dir unterwegs nie der Saft ausgeht. Mindestens also 625 bis 750 Wattstunden. Es gibt allerdings einzelne Hütten, die Ladestationen anbieten. Zum Beispiel die Capanna Monte Bar und die Capanna San Lucio. Ansonsten findest du öffentliche Steckdosen in verschiedenen Dörfern im Tal. Ein Verzeichnis von E-Bike Ladestationen findest du auf www.luganoregion.com.

Hinweis
Der Autor hat die Touren selbst durchgeführt und nach bestem Wissen aufbereitet. Zustand und Wegbeschreibung (GPS-Track) entsprechen dem Tag der Befahrung. Alle Angaben dennoch ohne Gewähr. Jegliche Haftung wird ausgeschlossen.