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Schwalbe Radial-Reifen

Mehr Grip als du brauchst?!

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Gerade wenn man denkt, in einem Bereich des Radsports kann es keine große Weiterentwicklung mehr geben, kommt doch immer wieder ein Hersteller mit innovativen Ideen ums Eck. Fahrradreifen haben sich in den letzten Jahren, bis auf neue Stollenprofile und geringere Anpassungen der Gummimischungen und Karkassen, kaum verändert. Die einzelnen Hersteller haben ihre verschiedene Karkassenvarianten etabliert und diverse Stollenprofile vervollständigen das Reifenportfolio für die unterschiedlichen Einsatzbereiche.

Bestes Beispiel: Der Minion DHF von Maxxis wurde 2001 vorgestellt und gehört nach knapp 25 Jahren immer noch zu den beliebten Optionen für Endverbraucher und Erstausrüster. Vor kurzem hat Schwalbe allerdings eine neue Karkassen-Technologie vorgestellt, die sich stärker am Aufbau eines Autoreifens orientiert, als an der herkömmlichen Bauweise von Fahrradreifen. “Radial” nennt Schwalbe die neueste Generation der Reifen. Was die Reifen von der herkömmlichen Konstruktion eines Fahrradreifens unterscheidet, erklären wir dir in diesem Video:

Die Karkasse eines Fahrradreifens mit herkömmlicher Bauweise besteht aus einem Gewebe-Geflecht, das sich von einer Reifenwulst zur anderen streckt. Dabei verlaufen die Fasern des Geflechts in etwa in einem 45 Grad Winkel zueinander in entgegengesetzte Richtungen. Diese Bauweise mit stumpf zueinander verlaufenden Fasern nennt sich “Diagonal”. Das Karkassengeflecht und die Stärke der Fasern bestimmen zu einem großen Teil über die Dämpfungseigenschaften und den Durchschlagschutz des Reifens und auch darüber, wie gut sich ein Reifen dem Untergrund anschmiegen kann. Bei Autoreifen verlaufen die Fasern hingegen gerade von einer Wulst zur anderen und diese Bauweise nennt sich Radial. 

Wie der Name schon sagt, ist die Konstruktion der neuen Schwalbe Reifen stark an die Konstruktion von Autoreifen angelehnt. Die Fasern der Schwalbe Radial-Reifen verlaufen zwar nicht komplett gerade von der einen Reifenwulst zur andern, stehen jedoch in einem deutlich steileren Winkel zueinander. Das soll es den Reifen erlauben, sich besser dem Untergrund anschmiegen zu können. Durch die Bauweise soll eine bis zu 30% größere Kontaktfläche erzeugt werden. Mehr Kontaktfläche bedeutet mehr Grip, allerdings auch mehr Rollwiderstand!

Aktuell bietet Schwalbe zwei Varianten der Radial-Karkasse an: Trail Pro und Gravity Pro. Die Trail-Variante ist circa 150 Gramm leichter als die durchschlagsfestere Gravity Pro – Karkasse. Dabei richtet sich die schwerer Gravity Pro – Variante an abfahrtsorientierte Biker und Bikerinnen, sowie E-Bikes. Die Trail-Variante soll noch einen geringeren Rollwiderstand bieten, sodass sie auch noch gut pedaliert werden kann. Der Klassiker im Portfolio von Schwalbe, der Magic Mary, wiegt in der Radial Gravity Pro – Ausführung 1340 Gramm. In derselben Breite wiegen die nicht Radial-Varianten des Magic Mary mit Super Gravity – Karkasse 1280 Gramm und in Super Downhill 1400 Gramm. Damit reiht sich die neue Karkasse genau zwischen den abfahrtsorientierten Optionen ein.

Im Test

Soweit die ersten Infos. Wir wollen die neuen Schwalbe Radial – Reifen aufgrund der versprochenen Grip-Vorteile testen und uns selbst ein Bild machen, ob hinter dem Hype auch handfeste Unterschiede im realen Einsatz spürbar sind.

Welche Kriterien muss ein guter Mountainbike-Reifen erfüllen? Für uns sind vor allem drei Faktoren wichtig:

  • Gute Dämpfungseigenschaften und einen soliden Durchschlagschutz
  • Eine stabile Seitenwand mit viel Support in Kurven mit starker Kompression
  • Und natürlich exzellenten Grip in möglichst vielen Szenarien

Für unseren Test vergleichen wir die Schwalbe Magic Mary in der Supersoft- und den Albert in der Soft-Mischung, beide in der Gravity Pro – Karkasse mit den Reifen, auf denen wir in letzter Zeit am meisten Trail-Kilometer gefahren sind: Die Continental Kryptotal Front- und Rear-Kombi mit Downhill-Karkasse. Wir vergleichen diese beiden Reifen, da die Conti´s aktuell für uns zu den besten Reifen auf dem Markt zählen und wir herausfinden wollen, ob die Schwalbe Radials mithalten können oder sogar besser performen.

Auf dem Trail

Diverse Testberichte der Radial-Reifen empfehlen einen höheren Reifendruck, deshalb haben wir ebenfalls den Druck um knapp 0,2 Bar in beiden Reifen erhöht. Bergauf bestätigt sich die Theorie des erhöhten Rollwiderstands, allerdings in geringerem Ausmaß, als wir vermutet hätten. Der Unterschied zwischen den Continental und den Schwalbe Radial ist in etwa vergleichbar mit dem Umstieg eines leichteren Casings, wie einem Snake Skin oder Exo Plus, zu einem Downhill-Reifen. Alle, die also gerne noch viele Höhenmeter aus eigener Kraft bewältigen möchten, sollten den erhöhten Rollwiderstand trotzdem nicht unterschätzen. Für E-Bike- und Gravity-Fahrer und -Fahrerinnen ist der größere Rollwiderstand unserer Meinung nach eher zu vernachlässigen.

Wenn es bergab geht, glänzen die Radial-Reifen dafür umso mehr. Schwalbe verspricht durch die neue Karkassen-Konstruktion ein flexibleres Anschmiegen des Reifens an den Untergrund. Der Reifen soll sich besser bei Unebenheiten auf dem Trail verformen und so die Auflagefläche vergrößern, sodass schlussendlich ein gedämpfteres Fahrverhalten und mehr Grip generiert werden können. Besonders in Kurven sind diese Eigenschaften stark spürbar. 

Solange der Boden trocken ist, fällt es nach dem Umstieg auf die Schwalbe Radial erstmal schwer, das Grip-Level einzuschätzen, denn die Reifen scheinen kaum zu rutschen. Die weiche Karkasse sorgt außerdem dafür, dass weniger Rückmeldung vom Untergrund an den Fahrer oder die Fahrerin weitergereicht wird. Dadurch entsteht ein insgesamt weicheres Fahrerlebnis. Das lässt sich sowohl positiv, wie auch negativ auslegen, denn das Bike fühlt sich insgesamt etwas satter auf dem Trail an, gibt allerdings auch weniger Feedback vom Untergrund weiter, sodass der Grenzbereich mit den Schwalbe Radial etwas schwieriger einzuschätzen ist.

Die Seitenwand unserer Vergleichsreifen, der Continental, gehört zu den steifsten auf dem Markt. Im direkten Vergleich zu den Schwalbe Radial vermitteln die Continental gegensätzliche Fahreindrücke, sie fahren sich deutlich härter, allerdings vermitteln sie auch ein wesentlich direkteres Fahrgefühl. In Kurven mit hoher Kompression bietet die steife Karkasse viel Sicherheit und verhindert, dass die Reifen ungewollt umknicken. Andere Reifen, die eine herkömmliche Diagonal-Bauweise besitzen, aber über ähnliche Dämpfungseigenschaften, wie die Schwalbe Radial-Reifen verfügen, neigen schnell zum Umknicken bei hohen Seitenführungskräften. Die Radialreifen schaffen es allerdings, beides zu vereinen. Hoher Komfort und gute Dämpfung, sowie viel Support bei Kompressionen und Kurven.

Bei Kurvenlage ist die Traktion spürbar höher, sodass es sogar leichter fällt, Inside Lines mitzunehmen und früher aus Kurven zu ziehen. In offenen Kurven, ohne den Support durch einen Anlieger, verhalten sich die Radial Reifen so ruhig und zuverlässig, dass sich auch scheinbar rutschige Kurven mit großer Sicherheit fahren lassen.

Uphill Performance am E-Bike

Neben Grip-Vorteilen bergab ist die erhöhte Traktion auch für technische Anstiege mit dem E-Bike vorteilhaft. Die Radialkarkasse walkt auch bergauf um Steine und Wurzeln, sodass die Traktion auch an besonders technischen Anstiegen im Turbo-Modus spürbar verbessert wird. Mit dem Grip der Radial-Reifen und der Kontrollierbarkeit des Bosch Performance Upgrades unseres CUBE Testbikes wird die Steilheit des Terrains zum kritischen Faktor, weniger die Kraftübertragung am Hinterrad.

Albert vs. Magic Mary

Aktuell bietet Schwalbe drei Reifen-Modelle mit der Radial-Karkasse an. Den neuen Albert, den Klassiker Magic Mary und das Stollenmonster, den Shredda. Nachdem der Shredda aufgrund seiner massiv hohen Stollen und dem damit verbundenen Rollwiderstand für die meisten Einsatzbereiche weniger Sinn macht, haben wir uns auf den Albert und Magic Mary konzentriert.

Der Magic Mary weiß ein deutlich offeneres Profil mit höheren Stollen auf, sodass er sich besser für losen Untergrund eignet, als der Albert mit seinen flacher und dichter angeordneten Stollen. In der Realität hat allerdings auch der Albert bei den nassen Bedingungen unseres Tests des Focus Jam² sehr guten Grip erzeugt. In puncto Kurven-Charakteristik unterscheiden sich die beiden Reifen allerdings doch. Der Albert hat einen wesentlich definierteren Grenzbereich und rutscht relativ schnell, sobald die Traktion zu Neige geht. Der Magic Mary bietet einen breiteren Grenzbereich und rutscht etwas langsamer. Insbesondere bei kurzen, scharfen Kurvenwechseln fühlt sich der Magic Mary daher für uns etwas berechenbarer an. Durch das geschlossene Profil des Alberts sind die Rolleigenschaften des Reifens spürbar besser, sodass der Albert als Hinterreifen und der Magic Mary als Vorderreifen eine gute Kombination bilden. Wer allerdings maximale Traktion sucht, ist mit einer Doppel-Magic-Mary Kombi gut beraten. Mit 2.5 Zoll Breite und relativ langen Stollen benötigt der Magic Mary viel Platz. Daher solltest du vor dem Kauf checken, ob dein Bike genug Freiraum bietet.

Fazit

Zusammengefasst würden wir die Schwalbe Radial-Reifen allen empfehlen, die auf der Suche nach maximaler Traktion sind und keinen besonderen Wert auf niedrigen Rollwiderstand legen. Dabei sollte man allerdings berücksichtigen, dass die Radial Reifen in der Gravity Pro-Karkasse nochmal eine Nummer schwerer rollen, als ohnehin schon zäh rollende Downhill-Reifen mit herkömmlicher Diagonal-Bauweise. Kann man mit dem erhöhten Rollwiderstand leben, wird man jedoch mit sehr hohem Grip und exzellenter Dämpfung belohnt. Die Radials halten, was sie versprechen, und schmiegen sich dem Untergrund so an, dass kleine Unebenheiten besser absorbiert werden und eine große Auflagefläche des Reifens auf dem Untergrund entsteht. Das dabei entstehende Fahrgefühl ist etwas vager, als das von Reifen mit diagonaler Bauweise. Daran gewöhnt man sich allerdings relativ schnell.